Samstag, 11. Februar 2012
Recherchen über Erich Fried.
Ein Neunjähriger, der über ein Massaker schreibt, bei dem 87 Menschen durch Polizeigwalt starben, ein Neunjähriger, der die Wörter Sozialist und Kommunist richtig verwendet, um sie herum ein Gedicht strickt, dass einen Bundeskanzler, seinen Umgang mit einem furchtbaren Ereignis, die verzerrte Berichterstattung der Presse und nebenbei die Justiz seines Heimatlandes verurteilt. Ein Neunjähriger, der sich dieses Urteil sogar erlauben kann, weil es so scheint, als wäre er besser informiert als die Erwachsenen seiner Zeit.
Ein Neunjähriger, der mit Worten spielt, ohne sie zu zerstören, ein Neunjähriger, der in keinem seiner Sätze wirkt, wie ein Neunjähriger.
Was muss das für ein Neunjähriger gewesen sein?
Ein erschreckend beeindruckender wahrscheinlich.



Erinnerung an eine grausame Rede – Erich Fried (um 1930)

Der Priester und Bundeskanzler Seipel
Hat gesagt "Keine Milde!"
Der Blutige Freitag hat gefragt:
"Bist du im Bilde?"

Im Bilde, da siehst du
Den verbrannten Justizpalast,
Damit du die Arbeiter
Als "rote Brandstifter" haßt.

Nicht im Bilde
Siehst du die seht milden Richter.
Im Justizpalast sprachen sie frei
Das Arbeitermördergelichter.

Im Bilde siehst du:
"Sozialisten und Kommunisten
Töteten heute
Einen diensttuenden Polizisten!"

Nicht im Bilde sah man das Pflaster
Vom Blut gerötet,
"Die Polizei hat heut,
sechsundachtzig Arbeiter getötet."




Mittwoch, 8. Februar 2012
Eine Panikattacke, damals in der Pariser Metro. Ein bleiches Mädchen auf dem Notsitz, kurz davor das Bewusstsein zu verlieren. Aussteigen an der nächsten Station, atmen, atmen, wenigstens schmeckt die Luft nicht mehr nach Menschen.
Menschen in all ihren Farben und Formen und Auswüchsen. Bunt und beängstigend. Ein Wurm, der scheinbar führerlos durch einen Tunnel rast, gefüllt mit schweigenden Individuen. Eine schwere, warme Masse. Grund zu schreien, oder nicht?

Köln-Elberfeld, ein anderer Tag.
Rush Hour. Dicht an dicht. Der Mann mit Einrad, Augen zu und festhalten, noch wenige Stationen.
Warum schließen Menschen in Zügen immer die Augen?
Die Geschwindigkeit tut weh, alles rast vorbei, keine Zeit es zu erfassen. Wer zu lange aus der Tür hinaus auf den Boden guckt, muss doch verrückt werden. Es ist unmöglich, die Streben zwischen den Schienen zu zählen.
Das eigene Spiegelbild nicht nur in der Fensterscheibe, in jedem Gesicht steckt die Wahrheit, nach der man lange sucht. Die eigene Gleichgültigkeit prallt zurück aus den Augen des Nebenmanns.
Rascheln, quietschendes Bremsen, die Türen öffnen sich wie riesige Münder. Die Menschen strömen hinaus, keine Blicke zurück. Es besser machen, irgendwann.
Wehmut, aus welchen Gründen auch immer. All die, die jetzt gehen, wird man nie wieder sehen.
Alles verpasst, und der Zug rollt weiter. Augen schließen, weil das Mädchen dort drüben schon wieder guckt, ohne sich zu interessieren und die Bäume brechen, ohne dass jemand es merkt.
Sich blickdicht machen. Die Schotten schließen. Den Spiegel der halbfertigen Welt nicht länger ertragen müssen.
Heimkehr an einen hellen Ort und die wiedersehen, die eben stumm gegangen sind.
Zuhause ist nicht da, wo du aussteigst.