Recherchen über Erich Fried.
Ein Neunjähriger, der über ein Massaker schreibt, bei dem 87 Menschen durch Polizeigwalt starben, ein Neunjähriger, der die Wörter Sozialist und Kommunist richtig verwendet, um sie herum ein Gedicht strickt, dass einen Bundeskanzler, seinen Umgang mit einem furchtbaren Ereignis, die verzerrte Berichterstattung der Presse und nebenbei die Justiz seines Heimatlandes verurteilt. Ein Neunjähriger, der sich dieses Urteil sogar erlauben kann, weil es so scheint, als wäre er besser informiert als die Erwachsenen seiner Zeit.
Ein Neunjähriger, der mit Worten spielt, ohne sie zu zerstören, ein Neunjähriger, der in keinem seiner Sätze wirkt, wie ein Neunjähriger.
Was muss das für ein Neunjähriger gewesen sein?
Ein erschreckend beeindruckender wahrscheinlich.



Erinnerung an eine grausame Rede – Erich Fried (um 1930)

Der Priester und Bundeskanzler Seipel
Hat gesagt "Keine Milde!"
Der Blutige Freitag hat gefragt:
"Bist du im Bilde?"

Im Bilde, da siehst du
Den verbrannten Justizpalast,
Damit du die Arbeiter
Als "rote Brandstifter" haßt.

Nicht im Bilde
Siehst du die seht milden Richter.
Im Justizpalast sprachen sie frei
Das Arbeitermördergelichter.

Im Bilde siehst du:
"Sozialisten und Kommunisten
Töteten heute
Einen diensttuenden Polizisten!"

Nicht im Bilde sah man das Pflaster
Vom Blut gerötet,
"Die Polizei hat heut,
sechsundachtzig Arbeiter getötet."